Gar nicht so unrealistische Dystopie

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raganiuke Avatar

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"Fantasie ist die einzige Waffe im Kampf gegen die Realität"– mit diesem Zitat beginnt „Wenn die Bienen schweigen“ von Caryl Lewis und genau das fasst die Botschaft des Buches für mich gut zusammen.
Das Buch ist ein dystopischer Jugendroman, der die fragile Abhängigkeit der menschlichen Zivilisation von der Natur – insbesondere von Bienen – thematisiert. Die Geschichte beginnt mit der Erkenntnis, dass die Welt bereits vor Jahren endete, bevor es irgendjemand bemerkte – nicht mit einem lauten Knall, sondern in völliger Stille. Die letzte Biene stirbt, und mit ihr bricht das Gleichgewicht der Natur zusammen.
Hauptcharakter der Erzählung ist Jess, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Die Welt vor dem Zusammenbruch kennt sie nur aus mittlerweile verbotenen Büchern und den Erzählungen einer Nachbarin, aus der Zeit, bevor sie ihre Mutter verlassen musste um in einem Mädchenlager Obstbäume mit Pinseln zu bestäuben, um die Lebensmittelversorgung aufrechtzuerhalten.
Jess hat durch ihre Mutter Lesen und Zeichnen gelernt und hält an der Erinnerung an die Welt vor dem Zusammenbruch fest. Sie erinnert sich an Bücher, Farben, Musik und die Schönheit der Natur. Diese Erinnerungen sind ihr einziger Halt. Als sie in der Werkstatt für die Bürsten arbeitet, entdeckt sie, dass die Bürsten aus den Haaren der Mädchen hergestellt werden – ein weiteres Symbol der Ausbeutung. Doch sie entdeckt auch, dass sie mit den verbotenen Farben, die ihr ein Wachmann organisiert, etwas Neues schaffen kann – und dass Pinsel nicht zum Bestäuben gedacht sind, sondern zum Malen.
Mit einer im geheimen angefertigten Wandmalerei weckt sie auch den Widerstandsgeist der anderen Mädchen und löst einen Aufstand aus, auch dies ein Symbol dafür, dass kleine Dinge Großes bewirken können.
Die Geschichte zeigt, wie die Machtstrukturen die Freiheit und Individualität von Frauen untergraben. Die Mädchen werden mit 11 Jahren in die Arbeitslager gesperrt und sobald sie die Pubertät hinter sich lassen, werden sie verheiratet um Kinder zu gebären und so der Gesellschaft zu dienen. Da das Buch aus der Perspektive eines Mädchens geschildert wird, fehlt für mich ein wenig der Blick auf die Jungen und Männer in dieser Gesellschaft, denn natürlich gibt es in den Lagern die „Mütter“, Aufseherinnen, die den Tagesablauf der Mädchen kontrollieren und damit also auch Teil des Machtapparates sind. Aber was geschieht mit den Jungen in dieser Dystopie, die werden ja auch verheiratet ohne Mitspracherecht, oder sie werden Soldaten, ob sie wollen oder nicht. Diese Seite der Gesellschaft fehlt mir ein wenig, ansonsten finde ich den Roman durchaus gelungen, denn er zeigt, dass die Existenz der Menschheit von der Vielfalt der Natur abhängt und diese von den Bienen, die für die Bestäubung von Pflanzen verantwortlich sind. Ihr Verschwinden führt zu einer Kettenreaktion: Hunger, Kriege, Zerstörung der Ökosysteme.
Wie weit wir von einer solchen Zukunft entfernt sind, ist einen Gedanken wert.