Geile Dystopie!

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xox0.anni Avatar

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Ich lese zwischendurch wirklich gerne Dystopien besonders dann, wenn sie nicht nur eine spannende Geschichte erzählen, sondern gleichzeitig Fragen aufwerfen, die gar nicht so weit von unserer eigenen Realität entfernt sind. Genau das hat „Wenn die Bienen schweigen“ von Caryl Lewis geschafft.

Die Ausgangsidee fand ich von Anfang an unglaublich interessant: Was passiert mit unserer Welt, wenn es plötzlich keine Bienen mehr gibt? Was zunächst vielleicht nach einem relativ kleinen Problem klingt, entwickelt sich hier zu einer Katastrophe, die das gesamte Leben der Menschen verändert. Nahrung wird knapp, der Staat übernimmt immer mehr Kontrolle und Freiheit wird zu etwas, das die jüngere Generation kaum noch kennt.

Im Mittelpunkt steht Jess, die in einer solchen Welt aufwächst. Bereits mit elf Jahren werden Mädchen in Camps gebracht, wo sie Blüten mit kleinen Pinseln bestäuben müssen. Jungen werden dagegen zu Soldaten ausgebildet. Alle haben ihren Platz – und vor allem ihre Aufgabe. Eine eigene Meinung scheint in dieser Welt nicht vorgesehen zu sein.

Was ich besonders interessant fand: Jess hinterfragt dieses System nicht von Anfang an bewusst. Für sie ist es einfach ihre Realität. Sie kennt kaum etwas anderes. Erst durch die Geschichten ihrer Mutter beginnt sie sich vorzustellen, dass es einmal eine andere Welt gegeben haben muss. Eine Welt mit Farben, Kunst, Freiheit und genügend Essen.

Und dann ist da dieser kleine Pinsel.

Eigentlich ist er nur ein Werkzeug, mit dem Jess Blüten bestäubt. Aber für Jess wird er zu etwas ganz anderem: zu einem Werkzeug, mit dem sie malen und ihre eigene Vorstellung von einer besseren Welt sichtbar machen kann.

Gerade dieser Aspekt hat mir unglaublich gut gefallen. Kunst wird hier nicht einfach nur als etwas Schönes dargestellt, sondern als Ausdruck von Freiheit und Hoffnung. Jess beginnt, etwas zu erschaffen, das in ihrer Welt eigentlich gar nicht existieren dürfte. Und plötzlich sehen auch andere Mädchen diese Farben und beginnen, ihre eigene Realität zu hinterfragen.

Jess war für mich definitiv das Herzstück der Geschichte. Sie ist keine typische Heldin, die von Anfang an alles durchschaut und gegen das System rebelliert. Sie ist ein Mädchen, das träumt, zweifelt, Angst hat und trotzdem immer wieder den Mut findet, einen kleinen Schritt weiterzugehen. Gerade dadurch wirkte ihre Entwicklung auf mich besonders glaubwürdig.

Auch die Freundschaften mit Cass, Deva und Zuri haben mir gut gefallen. Und Eliot mochte ich ebenfalls sehr gerne. Besonders seine Verbindung zu Jess und die kleinen Dinge, die er für sie tut, haben der Geschichte immer wieder etwas Hoffnungsvolles gegeben.

Natürlich ist das Grundgerüst nicht völlig neu. Einige Elemente haben mich durchaus an andere dystopische Geschichten erinnert – unter anderem an „Der Report der Magd“ oder „Ich, die ich Männer nicht kannte“. Trotzdem hatte das Buch für mich eine ganz eigene Atmosphäre. Es ist düster und bedrückend, aber gleichzeitig erstaunlich ruhig erzählt. Und gerade weil wir die Welt hauptsächlich durch Jess’ Augen kennenlernen, wirken viele Dinge noch einmal anders.

Was mir außerdem gefallen hat, ist, dass die Geschichte nicht einfach nur „eine Welt ohne Bienen“ erzählt. Hinter dem Szenario stecken viel größere Fragen: Was passiert, wenn Freiheit selbstverständlich war und irgendwann verschwindet? Wie leicht lassen sich Menschen kontrollieren, wenn sie nichts anderes kennen? Und wie viel kann eine einzelne Person überhaupt verändern?

„Wenn die Bienen schweigen“ hat mich deshalb vor allem nachdenklich zurückgelassen. Es ist eine Geschichte über Artensterben und Klimawandel, aber genauso über Freundschaft, Kunst, Freiheit und Hoffnung.

Und vielleicht ist genau das meine größte Erkenntnis aus diesem Buch: Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer großen Revolution. Manchmal beginnt sie mit einem Pinselstrich.

Fazit: Eine atmosphärische und überraschend realistische Dystopie mit einer starken Protagonistin und einer Ausgangsidee, die mich auch nach dem Lesen noch beschäftigt hat. Nicht alles war für mich perfekt, aber gerade die Mischung aus bedrückender Welt, emotionaler Geschichte und dem starken Motiv der Kunst hat dieses Buch für mich besonders gemacht.

4,5 ⭐️