Intensive, anregende Dystopie für Jugendliche

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gletscherwoelfchen Avatar

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Nachdem die letzte Biene ausgestorben ist, gerät die Welt immer weiter aus dem Gleichgewicht. Um die Obstplantagen überhaupt noch bewirtschaften zu können, werden Mädchen bereits im Kindesalter in Camps gebracht und dazu gezwungen, Blüten per Hand zu bestäuben. Bildung, Kunst und Selbstbestimmung spielen längst keine Rolle mehr. Auch Jess lebt in einem dieser Lager. Doch sie erinnert sich an die Geschichten ihrer Mutter und weiß, dass ein Pinsel für weit mehr geschaffen wurde, als Blüten zu bestäuben. Als sie beginnt, ihre Kreativität auszuleben, setzt sie ungewollt etwas in Bewegung, das sich schon bald nicht mehr aufhalten lässt.

"Wenn die Bienen schweigen" greift eine Thematik auf, die erschreckend aktuell wirkt. Das Aussterben der Bienen bildet dabei zwar den Ausgangspunkt der Geschichte, doch schnell wird deutlich, dass der Roman weit mehr erzählen möchte als eine klassische Klimadystopie. Vielmehr beschäftigt er sich mit den Folgen gesellschaftlicher Rückschritte, mit Unterdrückung, Machtmissbrauch und der Frage, wie viel Freiheit Menschen bereit sind aufzugeben, wenn Angst ihren Alltag bestimmt. Gerade diese Verbindung aus Umweltkrise und gesellschaftlicher Entwicklung empfand ich als ausgesprochen gelungen, weil sie niemals konstruiert wirkt, sondern eine bedrückende Konsequenz des geschilderten Szenarios darstellt.

Dabei schlägt Caryl Lewis überraschend ruhige Töne an. Wer eine actionreiche Dystopie erwartet, dürfte zunächst etwas Geduld brauchen. Die Geschichte entwickelt sich behutsam und setzt weniger auf spektakuläre Wendungen als auf ihre Atmosphäre und die schleichende Erkenntnis, wie tief sich das System bereits in das Leben der Menschen eingegraben hat. Genau darin liegt für mich allerdings eine der größten Stärken des Romans. Die sanfte, stellenweise fast melancholische Erzählweise entfaltet ihre volle Wirkung erst nach und nach. Je weiter ich gelesen habe, desto beklemmender wurde die Geschichte und desto häufiger habe ich mich dabei ertappt, einzelne Szenen noch lange nachwirken zu lassen.

Besonders überzeugt hat mich Jess als Protagonistin. Obwohl sie erst dreizehn Jahre alt ist, wirkt sie erstaunlich reflektiert, ohne dabei überzogen erwachsen zu erscheinen. Ihre Neugier und ihre kreative Art machen sie zu einer Figur, mit der ich gerne Zeit verbracht habe. Vor allem mochte ich, dass ihr Widerstand nicht aus blinder Rebellion entsteht, sondern aus dem Wunsch heraus, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren. Gerade die kleinen Momente, in denen sie sich an Geschichten, Farben oder die Natur erinnert, verleihen ihr eine inspirierende Stärke, die nie aufgesetzt wirkt.

Auch die übrigen Figuren fügen sich stimmig in die Geschichte ein. Freundschaften, Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung spielen eine wichtige Rolle, ohne dabei den ernsten Grundton des Romans aufzuweichen. Gleichzeitig wird immer wieder deutlich, wie sehr Angst und Kontrolle das Verhalten der Menschen bestimmen. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, in der selbst kleine Gesten der Menschlichkeit plötzlich eine enorme Bedeutung bekommen.

Insgesamt ist "Wenn die Bienen schweigen" eine eindringliche Dystopie, die weniger durch große Action als durch ihre Atmosphäre, ihre wichtigen Themen und ihre kluge Protagonistin überzeugt. Wer Geschichten schätzt, die zum Nachdenken anregen, dabei aber dennoch durchgehend spannend bleiben und lange nach dem Zuklappen des Buches im Kopf nachhallen, sollte sich diesen Roman unbedingt näher ansehen.
5/5 Sterne