3,5 - ein Auftakt mit reichlich Luft nach oben
In „West of Wicked. Folge deinem Verlangen“ erzählt Nikki St. Crowe eine moderne, düstere Adaption des märchenhaften Klassikers „Der Zauberer von Oz“.
Vorab möchte ich die liebevolle Gestaltung der Hardcover-Ausgabe loben – von einem Lesebändchen über eine wunderschöne Weltkarte bis hin zu den Kapitelzierden und dem bedruckten Einband ist dieses Retelling optisch eine Augenweide.
Obwohl es der Autorin gelang, mir mehrfach Bilder des Ursprungswerkes in den Kopf zu zaubern, sei es durch malerisch-verträumt wirkende Worte, Namen, Orte und Figuren, ist diese Geschichte doch ganz anders. Begonnen bei Dorothy Gale, hier kein unerfahrenes Kind, sondern eine taffe Waise, die in Einfachheit und Tristesse bei Adoptiveltern aufwuchs, mit verschwommenen Erinnerungen an ihre Herkunft, Panikattacken und der Ungewissheit ihrer Zukunft kämpft. Denn Dorothy sieht sich nicht als demütige Hausfrau und zufriedene Mehrfachmutter. Sie will mehr.
„Nicht mal alle Lichterketten der Welt könnten diese Dunkelheit vertreiben (…)“
Als ein Wirbelsturm sich Dorothys Zuhause bemächtigt und sie samt Toto aus der Realität katapultiert, weit weg von Kansas, hat die tüchtige Arbeiterin kaum Zeit, diesen unglaublichen Umstand zu verdauen – denn plötzlich steht sie fremden Gestalten und einem Kampf gegenüber, der ihr in dieser fernen Welt einen Namen und ein paar zauberhafte Schuhe verschafft.
Um wieder zurückzugelangen, braucht sie die Hilfe der mächtigsten Instanz von Oz – vom Zauberer, einer gefürchteten und zugleich verehrten Anomalie des Landes. Auf ihrem Weg schreiten Dorothy und Toto über verwinkelte Pfade, begegnen geflügelten Affen, egozentrischen Hexen und schrägen, sie ehrfürchtig betrachtenden Figuren.
Schon bald schließt sich dem Zweiergespann der erinnerungslose und überaus gutaussehende Rook an.
Während sie einander kennenlernen, über die Identität der „Vogelscheuche“ und die verqueren Gegebenheiten rätseln, sich mehrfach gegenseitig das Leben retten, kommen sich die beiden näher. Doch der Blechmann ist ihnen bereits auf den Fersen … und das Abenteuer beginnt …
Hauptsächlich leiht Dorothy der Geschichte ihre Stimme, sodass die frisch auserkorene Heldin von Oz mit deutlich mehr Tiefe gespickt ist als die anderen Erzählenden. Gerade zu Beginn war ihre Gedankenwelt faszinierend – gefangen in einer bedrückenden, inneren Leere, in Rastlosigkeit und ihrer nebulösen Vergangenheit, zwischen Dankbarkeit für Em und Henry und der Schuld, nicht zufrieden zu sein. Dorothy zeigt mit ihrem Auftreten und ihren Einstellungen auf den ersten Seiten Potenzial für eine taffe Badass-Protagonistin, doch dieser Eindruck verwässert im Verlauf, wird von Leichtgläubigkeit überschrieben, von einem Hauch unpassender Naivität und Inkonsequenz. Dennoch mochte ich sie, feuerte sie und ihren tierischen Begleiter an.
Zusätzlich führen uns u. A. Cleo, ein seelenloser Söldner und Rook in unregelmäßigen Abständen durch die Storyline, schenken uns nicht nur Informationen über ihre eigenen Rollen und Aufgaben in dieser merkwürdigen Welt, sondern auch über Oz und die Herrschenden. Gibt der Axt schwingende Blechmann dem Geschehen eine unheilvolle Note, sorgt die nun endlich freie Cleo für melancholische Nuancen. Und die Vogelscheuche? Die bleibt aufgrund seines mangelnden Gedächtnisses ein charmantes Mysterium. Zwischen ihm und Dorothy entspinnt sich im Verlauf eine angenehme, sacht prickelnde Dynamik. Dabei will ‘Kansas’ doch einfach nur zurück – oder?
Crowes Stil war klar und leicht zu lesen, die Emotionen kamen fühlbar und das Setting detailreich zur Geltung und auch die unterschiedlichen, Dorothys Weg kreuzenden, oft moralisch nicht eindeutigen Charaktere erfreuen sich einer ausreichenden Ausarbeitung. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es der Handlung an einem griffigen Worldbuilding und an … Mehr fehlte. An Ereignissen und Vorankommen. Die düstere Atmosphäre zog größtenteils an mir vorbei, gleiches gilt für Action und Spannung. Dabei hatte ich aufgrund des Marketings mit einem spicy und vor Dunkelheit triefenden, gewagten und intensiven Retelling gerechnet.
Zwar finden sich hier und da temporeiche, gefährliche und blutige Momente, aber insgesamt war Dorothys Suche nach dem Zauberer eher ein beobachtendes, von Ablenkung gepflastertes und öfter unterhaltsames Schlendern durch die Fremde, während dem sich auf die körperliche und emotionale Ebene konzentriert wurde. So bekommen wir zwar Einblicke in die Protagonisten, können einiges besser verstehen, aber vor allem der Mittelteil von Rooks und Dorothys „Reise“ zog sich unspektakulär in die Länge, während mir die Auftritte der Hexen zu flüchtig schienen. Hingegen tragen der Blechmann, gebeutelt und verflucht vom Leben, und Cleo, nun auf der Suche nach ihrem Platz, einiges bei, dass Neugier schürt und für Beklemmung sorgt. Denn Oz, dieser einst glitzernde Fleck, wird von Rivalität, Neid und Machtgier, von persönlichen Fehden und Gewalt regiert …
Am Schluss ist Dorothy ihrem Ziel, der Smaragdstadt, kaum nähergekommen, dafür aber einer unfassbaren und überraschenden Wahrheit. Auch das Bonuskapitel sorgt für ein interessiertes Augenbrauenheben.
»Sei gewarnt (…) deine ist die Art von Liebe, durch die der Wind die Richtung ändert, die Sterne zerbersten lässt. (…) Deine ist die Art von Liebe, die alles in Flammen aufgehen lässt, womit sie in Berührung kommt.«
Trotz der Kritikpunkte bin ich nach diesem Ende ungemein gespannt auf Teil zwei der „Great and Terrible Land“-Trilogie, in dem mit Sicherheit Intrigen aufgedröselt, Geheimnisse und Zusammenhänge offenbart und die Figuren noch genauer beleuchtet werden.
„West of Wicked. Folge deinem Verlangen“ ist zwar nicht der Dark Fantasy-Auftakt, den ich erhofft habe, aber die Idee und die bisher gesammelten Erkenntnisse sowie der gewaltige Cliffhanger und die Fragen, die bleiben, machen Lust auf mehr. „East of Envy. Folge deinem Herzen“ erscheint Anfang 2027.
Vorab möchte ich die liebevolle Gestaltung der Hardcover-Ausgabe loben – von einem Lesebändchen über eine wunderschöne Weltkarte bis hin zu den Kapitelzierden und dem bedruckten Einband ist dieses Retelling optisch eine Augenweide.
Obwohl es der Autorin gelang, mir mehrfach Bilder des Ursprungswerkes in den Kopf zu zaubern, sei es durch malerisch-verträumt wirkende Worte, Namen, Orte und Figuren, ist diese Geschichte doch ganz anders. Begonnen bei Dorothy Gale, hier kein unerfahrenes Kind, sondern eine taffe Waise, die in Einfachheit und Tristesse bei Adoptiveltern aufwuchs, mit verschwommenen Erinnerungen an ihre Herkunft, Panikattacken und der Ungewissheit ihrer Zukunft kämpft. Denn Dorothy sieht sich nicht als demütige Hausfrau und zufriedene Mehrfachmutter. Sie will mehr.
„Nicht mal alle Lichterketten der Welt könnten diese Dunkelheit vertreiben (…)“
Als ein Wirbelsturm sich Dorothys Zuhause bemächtigt und sie samt Toto aus der Realität katapultiert, weit weg von Kansas, hat die tüchtige Arbeiterin kaum Zeit, diesen unglaublichen Umstand zu verdauen – denn plötzlich steht sie fremden Gestalten und einem Kampf gegenüber, der ihr in dieser fernen Welt einen Namen und ein paar zauberhafte Schuhe verschafft.
Um wieder zurückzugelangen, braucht sie die Hilfe der mächtigsten Instanz von Oz – vom Zauberer, einer gefürchteten und zugleich verehrten Anomalie des Landes. Auf ihrem Weg schreiten Dorothy und Toto über verwinkelte Pfade, begegnen geflügelten Affen, egozentrischen Hexen und schrägen, sie ehrfürchtig betrachtenden Figuren.
Schon bald schließt sich dem Zweiergespann der erinnerungslose und überaus gutaussehende Rook an.
Während sie einander kennenlernen, über die Identität der „Vogelscheuche“ und die verqueren Gegebenheiten rätseln, sich mehrfach gegenseitig das Leben retten, kommen sich die beiden näher. Doch der Blechmann ist ihnen bereits auf den Fersen … und das Abenteuer beginnt …
Hauptsächlich leiht Dorothy der Geschichte ihre Stimme, sodass die frisch auserkorene Heldin von Oz mit deutlich mehr Tiefe gespickt ist als die anderen Erzählenden. Gerade zu Beginn war ihre Gedankenwelt faszinierend – gefangen in einer bedrückenden, inneren Leere, in Rastlosigkeit und ihrer nebulösen Vergangenheit, zwischen Dankbarkeit für Em und Henry und der Schuld, nicht zufrieden zu sein. Dorothy zeigt mit ihrem Auftreten und ihren Einstellungen auf den ersten Seiten Potenzial für eine taffe Badass-Protagonistin, doch dieser Eindruck verwässert im Verlauf, wird von Leichtgläubigkeit überschrieben, von einem Hauch unpassender Naivität und Inkonsequenz. Dennoch mochte ich sie, feuerte sie und ihren tierischen Begleiter an.
Zusätzlich führen uns u. A. Cleo, ein seelenloser Söldner und Rook in unregelmäßigen Abständen durch die Storyline, schenken uns nicht nur Informationen über ihre eigenen Rollen und Aufgaben in dieser merkwürdigen Welt, sondern auch über Oz und die Herrschenden. Gibt der Axt schwingende Blechmann dem Geschehen eine unheilvolle Note, sorgt die nun endlich freie Cleo für melancholische Nuancen. Und die Vogelscheuche? Die bleibt aufgrund seines mangelnden Gedächtnisses ein charmantes Mysterium. Zwischen ihm und Dorothy entspinnt sich im Verlauf eine angenehme, sacht prickelnde Dynamik. Dabei will ‘Kansas’ doch einfach nur zurück – oder?
Crowes Stil war klar und leicht zu lesen, die Emotionen kamen fühlbar und das Setting detailreich zur Geltung und auch die unterschiedlichen, Dorothys Weg kreuzenden, oft moralisch nicht eindeutigen Charaktere erfreuen sich einer ausreichenden Ausarbeitung. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es der Handlung an einem griffigen Worldbuilding und an … Mehr fehlte. An Ereignissen und Vorankommen. Die düstere Atmosphäre zog größtenteils an mir vorbei, gleiches gilt für Action und Spannung. Dabei hatte ich aufgrund des Marketings mit einem spicy und vor Dunkelheit triefenden, gewagten und intensiven Retelling gerechnet.
Zwar finden sich hier und da temporeiche, gefährliche und blutige Momente, aber insgesamt war Dorothys Suche nach dem Zauberer eher ein beobachtendes, von Ablenkung gepflastertes und öfter unterhaltsames Schlendern durch die Fremde, während dem sich auf die körperliche und emotionale Ebene konzentriert wurde. So bekommen wir zwar Einblicke in die Protagonisten, können einiges besser verstehen, aber vor allem der Mittelteil von Rooks und Dorothys „Reise“ zog sich unspektakulär in die Länge, während mir die Auftritte der Hexen zu flüchtig schienen. Hingegen tragen der Blechmann, gebeutelt und verflucht vom Leben, und Cleo, nun auf der Suche nach ihrem Platz, einiges bei, dass Neugier schürt und für Beklemmung sorgt. Denn Oz, dieser einst glitzernde Fleck, wird von Rivalität, Neid und Machtgier, von persönlichen Fehden und Gewalt regiert …
Am Schluss ist Dorothy ihrem Ziel, der Smaragdstadt, kaum nähergekommen, dafür aber einer unfassbaren und überraschenden Wahrheit. Auch das Bonuskapitel sorgt für ein interessiertes Augenbrauenheben.
»Sei gewarnt (…) deine ist die Art von Liebe, durch die der Wind die Richtung ändert, die Sterne zerbersten lässt. (…) Deine ist die Art von Liebe, die alles in Flammen aufgehen lässt, womit sie in Berührung kommt.«
Trotz der Kritikpunkte bin ich nach diesem Ende ungemein gespannt auf Teil zwei der „Great and Terrible Land“-Trilogie, in dem mit Sicherheit Intrigen aufgedröselt, Geheimnisse und Zusammenhänge offenbart und die Figuren noch genauer beleuchtet werden.
„West of Wicked. Folge deinem Verlangen“ ist zwar nicht der Dark Fantasy-Auftakt, den ich erhofft habe, aber die Idee und die bisher gesammelten Erkenntnisse sowie der gewaltige Cliffhanger und die Fragen, die bleiben, machen Lust auf mehr. „East of Envy. Folge deinem Herzen“ erscheint Anfang 2027.