Mehr Glitzer als Gänsehaut – die Düsternis bleibt aus

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jennifer Avatar

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Ich gebe dem Buch 3.5 Sterne.

“West of Wicked” ist ein Retelling von “Der Zauberer von Oz” – und genau mit diesem Wissen bin ich an die Geschichte herangegangen. Optisch hat mich das Buch sofort begeistert. Das Cover wirkt in echt noch viel eindrucksvoller, der Farbschnitt ist wunderschön gestaltet und die Innenseiten mit Karte und Spruch machen direkt Lust, in diese düstere Version von Oz einzutauchen. Auch der Aufbau mit dem Wechsel aus kurzen und längeren Kapiteln hat mir gut gefallen und sorgt für einen angenehmen Lesefluss.

Was mich zu Beginn am stärksten abgeholt hat, war der Blick in Dorothys Gedankenwelt. Ihre innere Leere, die Beklemmung, das Gefühl, in einem Leben festzustecken, das sie Em und Henry (ihre Zieheltern) zuliebe nicht infrage stellen darf – all das ist sehr greifbar. Gleichzeitig spürt man ihre Schuldgefühle und ihre Sehnsucht nach etwas Größerem, das sie sich kaum zu denken traut. Die verschiedenen Perspektiven im Buch fand ich ebenfalls spannend, weil sie der Geschichte mehr Tiefe geben und Figuren wie Cleo oder andere Wegbegleiter interessanter machen. Die Gedankenwelt der Charaktere bleibt für mich einer der stärksten Aspekte des Buches.

Trotzdem verläuft die Handlung insgesamt recht schleppend. Oft hatte ich das Gefühl, Dorothy würde eher einen gemütlichen Ausflug machen als sich in einer gefährlichen, unbekannten Welt zu bewegen. Die düstere Atmosphäre, die das Buch verspricht, kommt nur punktuell durch und baut sich erst spät wirklich auf. Dazu kommt, dass Dorothy für meinen Geschmack recht naiv handelt. Sie lässt sich emotional viel zu schnell auf andere Figuren ein, obwohl ihr Charakter und der Beginn des Buches eigentlich etwas anderes andeuten. Diese Naivität hat mich immer wieder aus der Geschichte herausgerissen.

Viele Szenen wirken zudem übermäßig konstruiert oder an manchen Stellen sogar deplatziert. Es gibt Momente, die sich nicht organisch aus der Handlung ergeben, sondern eher wie eingeschobene Elemente wirken, die die Geschichte künstlich strecken. Trotz der vielen interessanten Figuren und Ansätze kommt die Handlung einfach nicht richtig in Schwung. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass Band 1 vor allem ein Trittstein für Band 2 ist – als würde die eigentliche Geschichte erst dort beginnen. Fast alles spielt sich entlang des gelben Ziegelwegs ab, und am Ende ist Dorothy noch nicht einmal ansatzweise in der Smaragdstadt angekommen. Der Handlungsaufbau bleibt für mich daher der größte Schwachpunkt.

Genretechnisch hat sich das Buch für mich häufig eher nach Young Adult angefühlt als nach New Adult. Das liegt zum einen an der Art, wie Beziehungen und Emotionen dargestellt werden, zum anderen daran, dass die wenigen Figuren relativ klar bestimmten Rollen zugeordnet sind. Zwar gibt es Szenen mit Blut, Messern und auch intime Momente zwischen einzelnen Charakteren, insgesamt bleibt die Darstellung aber überraschend harmlos und weniger intensiv, als ich es bei einem düsteren Retelling erwartet hätte. Die Figuren in Oz hätten für meinen Geschmack ruhig bedrohlicher, unheimlicher und insgesamt dunkler gezeichnet sein dürfen – dann hätten auch bestimmte Wendungen stärker und weniger vorhersehbar gewirkt.

Trotz dieser Kritikpunkte gibt es Elemente, die mich neugierig gemacht haben – besonders die Andeutungen rund um die Welt, die Figuren und die Geheimnisse, die noch im Hintergrund lauern. Einige Charaktere haben definitiv Potenzial, im nächsten Band stärker zu glänzen, und bestimmte Fragen möchte ich unbedingt beantwortet sehen.

Fazit: West of Wicked ist optisch ein Highlight und hat erzählerisch viele spannende Ansätze, die aber nicht immer konsequent genutzt werden. Die Atmosphäre baut sich langsam auf, manche Entwicklungen wirken konstruiert und die Handlung bleibt über weite Strecken erstaunlich ruhig. Für mich ist Band 1 ein solider Einstieg mit Luft nach oben – ein Buch, das neugierig macht, aber noch nicht sein volles Potenzial als düsteres Retelling ausschöpft.