Bös' Gerücht nimmt immer zu, gut' Gerücht kommt bald zur Ruh

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gürkchen Avatar

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Rachel Hologan ist die Dorfschönheit mit einem geselligen Charakter. Sie ist die Freundin von Eugene Moynihan, dessen Vater Tommy im irischen Ardnakalty als der heimliche Boss der krummen Dinger gilt und dank Korruption und strategischen Verbündeten diverse Annehmlichkeiten ermöglicht über die die Gemeinschaft jedoch lieber schweigt. Es gibt die Unterstützer von Tommy, die durch ihn einen gut bezahlten Job in der örtlichen Fleischverarbeitungsfabrik ergattern konnten und die Abtrünnigen, die ihm nicht mal am Tage über den Weg trauen würden. Cal Hooper und seine Freunde gehören zur letzteren Gruppe. Nun ist Rachel tot und die beiden Lager rund um Tommy Moynihan beginnen mit wüsten Anschuldigungen in alle Richtungen. War es Selbstmord oder ein perfider Schachzug, um die junge Frau zum Schweigen zu bringen? Selbst Lena Dunne, die schweigsame Verlobte von Cal, fühlt sich genötigt eigene Recherchearbeit zu leisten, was ihr kurzerhand negativ ausgelegt wird. Das Dorf ist in Aufruhe und das Schweigen der vergangenen Jahrhunderte bricht zusehends auf, um dunkle Wahrheiten aus dem Sumpf des Vergessens zu offenbaren.

Tana French ist eine meine Lieblingsautorinnen und dazu wahrlich eine Meisterin der psychologischen Verstrickungen. Wie üblich brauchte ich ein paar Seiten, um wieder in den Sog nach Irland mit den weiten Feldern und dichten Nebeln gezogen zu werden. Der letzte Band steht einfach schon zu lange wieder verschlungen im Bücherregal, um nahtlos an die Eigenarten der Charaktere anzuknüpfen. Zumal der Knall zu Beginn, der unsere Sinne erwacht und auf Blutrünstigkeit setzt, schlichtweg nicht Frenchs Stil ist.

Bei der Neuerscheinung liegt der Fokus verstärkt auf gesellschaftskritischen Gesichtspunkten. Die deutliche Mahnung dahinter verstehe ich so, dass ein aus Jux verbreitetes Gerücht ungeahnte Kräfte entwickelt und sogar Leben zerstören kann. Besonders in unserer schnelllebigen Welt ist an Ort X noch nicht einmal etwas komplett ausgesprochen, da hat es sich an Ort Y bereits verselbstständigt.

Sprachlich sind wieder einige Leckerbissen dabei, die mich French mit Fug und Recht als Königin der metaphorischen Vergleiche bezeichnen lässt z.B.:

"Mart hat seine Sturmhaube zur Mütze aufgerollt; im fahlen Mondschein leuchten seine wirren Haare wie Flusen einer Pusteblume." (S. 354)

Für meinen Geschmack war "Wie ein Fluss in der Nacht" allerdings ein etwas zu wildes Gewässer mit nicht enden wollenden dunklen Untiefen, die einen schier die Übersicht rauben. Ich hätte mir streckenweise speziell im Hauptteil lieber einen sanften Bach gewünscht, der sich zielstrebiger am Ufer entlangschlängelt. Und obwohl die gebürtige Irin ihre Spannung durch leise und im Hintergrund agierende Personen aufbaut, ist man beim Lesen mental gehetzt und teilweise in Sorge das Naheliegende zu übersehen. Man fühlt sich wie in einem Herbststurm gefangen, indem fiese Gerüchte und haltlose Anschuldigungen wie buntes Laub quer durch die Seiten gepustet werden.

Das Finale ist in sich schlüssig und ließ mich aufgrund der überraschenden Auflösung kurzzeitig schockiert zurück. Psychologie ist die stärkste Kraft, die French wieder einmal in Ardnakalty walten ließ. Jeder und jede war verdächtig und doch übersieht man dank geschickter Ablenkung kleine Andeutungen zur Lösung. Ich bin mir sicher, dass die Lesenden den oder die wahre Schuldige/n an Rachels Tod nicht vorzeitig ermitteln werden. Das Schlusswort lässt zudem hoffen, dass ein weiterer Band rund um Cal Hooper erscheinen wird.