Wechseljahre - ein zweiter Frühling oder der tiefste Winter?

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gürkchen Avatar

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Henri Albers ist ein deutscher Durchschnittsmann - Mitte 50, zwei Kinder, geschieden, mit einem soliden Job in der Personalabteilung eines Zeitungsverlags. Klingt langweilig? Dem würde der Protagonist wahrscheinlich ohne Umschweife zustimmen, denn echte Abenteuer erlebt er in seinem fortgeschrittenen Alter wirklich nicht. Er geht mit seinem Hund spazieren und trinkt mit seinem besten Kumpel Felix Wein auf der Couch, während sie melancholisch werden. Obwohl die Affäre mit einer 30 Jahre jüngeren Frau, die seiner Ehe den Todesstoß verpasst hat, durchaus Potenzial hat, bringt der Autor eine weitaus größere Macht mit ins Spiel: die Wechseljahre - aus der Sicht des starken Geschlechts.

„Kalk in den Adern und Tränen in den Augen“, fasse ich zusammen. „Es ist schockierend, was die Wechseljahre aus uns machen. (S. 181)

Neben einer kurzweiligen Lektüre erhoffte ich mir, mehr über die Symptome und die Gefühlswelt eines Mannes auf dem Weg durch eine hormonelle Achterbahnfahrt zu erfahren, um damit ein bisschen besser gewappnet zu sein, wenn der eigene Partner diese schwierige Phase durchleben muss. Eine medizinische Abfolge von biochemischen Prozessen findet in knapp 300 Seiten wohlwissend keinen Platz, aber Henris Hausarzt schafft es trotzdem, einen guten Überblick über totgeschwiegene Symptome wie Libidoverlust, kreisrunden Haarausfall und trauriger Müdigkeit zu schaffen.

Gleichzeitig werden Lösungsansätze aus dem Tal der Tränen aufgezeigt, die mich in ihrer lustigen Überspitzheit sehr amüsiert, aber auch selbst zum Nachdenken angeregt haben. Besonders erwähnenswert ist der trockene Humor von dem Protagonisten, denn nur so gelingt es vermutlich den gebeutelten Herren, die mit ihrem Schicksal oder der gefürchteten Midlife-Crisis hadern am Ball zu halten. Die Pointen sind stark situativ ausgerichtet und dabei weder plump noch ordinär. Ich würde den Wortwitz, als erwachsen und bodenständig beschreiben und damit perfekt für das bevorzugte, kultivierte Zielpublikum gewählt. Beispiel gefällig?

„Ich habe gelesen das nennt man heute sleek. Die Frisur gibt es schon länger, nur der Name ist neu. Jenny trug sie schon, als sie noch Streng-nach-hinten-gebundener-Zopf hieß.“ (S 41)

Sollten wir in Zukunft grauhaarige Männer in piekfeiner Sportausrüstung dabei beobachten, wie sie sich eng an die Rinde eines ehrwürdigen Baumes im Park schmiegen, dann haben wir es mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem „Freitagsmann” zu tun. Grüßen Sie ihn nett und denken Sie immer daran, dass wir alle irgendwann den Wechseljahren zum Opfer fallen. Dank Hans-Gerd Raeth sind wir nun jedoch besser gerüstet.