Zwischen Kitsch und leisen Tönen

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Mit »Wolkenberührpunkt« legt Christoph Kramer seinen zweiten Roman vor. Sein Debüt »Das Leben fing im Sommer an« war nicht zuletzt aufgrund der besonderen Konstellation – ein prominenter Profifußballer veröffentlicht einen Roman – eine literarische Sensation und erreichte sogar Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Natürlich muss man einen solchen Erfolg mit etwas Vorsicht betrachten: Ein unbekannter Autor hätte es ungleich schwerer, allein durch die Qualität seines Debüts eine derartige Aufmerksamkeit zu bekommen. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings ebenso wenig, dass einem Roman eines prominenten Autors automatisch die literarische Qualität abzusprechen wäre. Beides sollte man voneinander trennen. Entsprechend lohnt es sich, »Wolkenberührpunkt« zunächst einmal möglichst unvoreingenommen als Roman zu betrachten.
Im Mittelpunkt stehen zwei sehr unterschiedliche Männer: auf der einen Seite Christoph Kramer selbst, beziehungsweise die literarisch gestaltete Figur Chris, auf der anderen Roman, ein junger Mann mit einer schwierigen Vergangenheit, den er zufällig in einer Buchhandlung kennenlernt. Romans Geschichte führt zurück in die Silvesternacht des Jahres 2000 und von dort durch seine Jugend und sein frühes Erwachsenenleben. Der titelgebende »Wolkenberührpunkt«, ein alter Telefonmast, wird dabei zum Sehnsuchtsort, an dem Roman und sein Freund Steve ihre Wünsche in Gedanken formulieren, in der Hoffnung, dass sie wahr werden – wie bei der Sichtung einer Sternschnuppe.
Im Kern haben wir es mit einem klassischen Coming-of-Age-Roman zu tun. Viele der bekannten Elemente dieses Genres finden sich wieder: die Poesie der ersten Male, Freundschaft und erste Liebe, die Erfahrung von Verlust und Vergänglichkeit und das allmähliche Hineinwachsen in ein Leben, dessen Zerbrechlichkeit zunehmend bewusst wird. Gerade die erste Hälfte war mir dabei allerdings häufig zu kitschig. Kramer arbeitet stark mit bekannten emotionalen Bildern und Stereotypen, sodass manches eher vertraut als überraschend wirkt. Auch die Perspektive auf einen Waisen beziehungsweise ein Adoptivkind, das seine Jugend unter schwierigen Umständen erlebt, ist keineswegs neu.
Deutlich besser hat mir deshalb die zweite Hälfte gefallen. Roman ist inzwischen älter und muss sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, ohne weiterhin in ihr gefangen zu bleiben. Der Versuch, als Erwachsener noch einmal neu anzufangen und das eigene Leben nicht länger von vergangenen Ereignissen bestimmen zu lassen, gibt dem Roman mehr Tiefe. Hier wird die Geschichte auch weniger vorhersehbar und emotional glaubwürdiger, weil es nicht mehr allein um die großen Erfahrungen der Jugend geht, sondern um die schwierigere Frage, was danach kommt.
Kramers Sprache ist insgesamt bewusst einfach und zugänglich gehalten. Lange oder besonders kunstvolle Sätze sucht man ebenso wenig wie sprachliche Experimente. Das macht den Roman leicht lesbar, führt aber zugleich dazu, dass manche Passagen literarisch etwas dünn wirken. Ein unbekannter Autor hätte mit einem derart unkomplizierten Stil vermutlich deutlich mehr leisten müssen, um eine vergleichbare Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten. Bei Christoph Kramer funktioniert die Rechnung aufgrund seiner besonderen Ausgangslage dennoch: Sein Name weckt Interesse, und sein Roman ist unkompliziert genug, um ein großes Publikum gleichermaßen anzusprechen und darüber hinaus dieses Interesse über die gesamte Lektüre hinweg aufrechtzuerhalten.
»Wolkenberührpunkt« ist für mich jedoch kein herausragendes Buch und auch keine grundlegende Neuinterpretation des Coming-of-Age-Genres. Vieles bleibt angedeutet, manches wirkt bekannt und gelegentlich gerät die Geschichte in eine etwas allzu große Gefühligkeit. Dennoch sollte man dem Roman zugutehalten, dass er nach dem etwas kitschigen Beginn zunehmend interessanter wird. Hat man einmal in die Geschichte hineingefunden, liest man sie durchaus gerne und mit Vergnügen zu Ende.
Unterm Strich bleibt ein gefälliger, zugänglicher und stellenweise durchaus berührender Roman, der seine Wirkung weniger aus sprachlicher oder formaler Besonderheit als aus seiner Geschichte und der ungewöhnlichen Person seines Autors bezieht. Mehr als solide Unterhaltung ist es für mich allerdings nicht.