Extrem nah dran und doch unfassbar distanziert

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„Zeit der Monster“ von Şeyda Kurt (Hanser Verlag)

Ein Stadtviertel, eine Wahlfamilie, tiefe Freundschaft. Als eine Prophezeiung der nahenden Apokalypse viral geht, gerät das Viertel in Aufruhr. Sie wurde bewusst in die Welt gesetzt – vermutlich, um den Zerfall zu beschleunigen, damit daraus etwas Neues, Richtiges erwachsen kann. Von Şeyda Kurt habe ich bisher zwei Sachbücher gelesen, die mich sehr beeindruckt haben. Ich durfte sie auch schon 2x live in Hannover lesen sehen und bin damals mit einem tiefen Gefühl der Stärkung nach Hause gegangen. Durch diese Vorerfahrung und den Klappentext habe ich mir die dort oft spürbare, heilende Wärme und Gemeinschaft erhofft. Genau das sprach mich an. Deshalb habe ich mich für das Rezensionsexemplar ihres Debütromans beworben, auch wenn ich die Leseprobe bereits als anspruchsvoll empfand.

Mein subjektiver Eindruck: „Zeit der Monster“ ist in allen Belangen ein ungewöhnlicher, ein flirrender Roman. Die heraufziehende Apokalypse ist in jeder Zeile spürbar: Ich schmecke sie, ich rieche Asche, Staub und Tod, ich spüre die nackte Angst und Hoffnungslosigkeit der Figuren. Leider konnte ich auf den ersten 146 Seiten die ersehnte Wärme nicht finden. Möglicherweise kommt die Wende im späteren Verlauf, aber ich habe es emotional nicht durchgehalten. Ich habe Wochen gebraucht, um mich bis zu dieser Stelle vorzuarbeiten, und das Buch nun schweren Herzens beiseitegelegt. Kurts Sprache liefert hier eine radikale, literarische Dekonstruktion: Sie ist gleichzeitig wunderschön und abstoßend, extrem nah dran und doch unfassbar distanziert. Die Charaktere und ihre Antriebe blieben für mich rätselhaft, ihre Verbindungen schwitzig eng und zugleich vage. Ich habe auf die Geschichte wie auf ein Theaterstück geblickt, an dem ich nicht teilhaben möchte – es hat mich erschrocken zurückweichen lassen und mir Albträume beschert.

Von der Geschichte hatte ich mir aufbauende Geborgenheit und eine positive Utopie erhofft. Gefunden habe ich sie in diesem Viertel, das im Buch treffend als „Sumpf“ bezeichnet wird, nicht. Beim Lesen fühlte ich mich von der klebrigen Düsternis dieses Sumpfes fast selbst beschmutzt, weshalb ich aussteigen musste. Ich halte den Roman künstlerisch und gesellschaftlich für wirklich wertvoll – aber für mich persönlich war es zum jetzigen Zeitpunkt einfach das falsche Buch.