Sachlichkeit als Schutzpanzer

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emaya Avatar

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Dies ist der erste Roman, der sich mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine auseinandersetzt, den ich gelesen habe, und ich wollte dieses Buch mehr fühlen, als ich es letztlich konnte.

In Zugwind begleiten wir die 28-jährige Hausärztin Mira Zehmann, die zwischen ihrem sicheren Leben in Deutschland und den Schrecken des russischen Angriffskrieges in ihrer Heimat Ukraine hin- und hergerissen ist. Die Handlung zeigt, wie persönliche Lebenswelten, die Sehnsucht nach Normalität und die Angst um Heimat und geliebte Menschen aneinander reiben.

Besonders eindrücklich wird diese Zerrissenheit in ihrem Berufsalltag sichtbar. In der Hausarztpraxis begegnet Mira immer wieder ukrainischen Patientinnen – Frauen, die wie sie zwischen zwei Welten leben, geflohen, besorgt, erschöpft. In diesen Begegnungen verdichtet sich der Krieg auf leise Weise. Er sitzt im Wartezimmer, spricht gebrochen Deutsch, bringt Befunde und Heimweh mit. Mira ist Ärztin – und zugleich Landsfrau. Professionelle Distanz und persönliche Betroffenheit lassen sich hier kaum trennen.

Zugwind ist eine sehr sachliche, beinahe nüchterne Erzählung über Krieg, Verlust und die Suche nach Lebensfreude. Genau diese Sachlichkeit hat mich beim Lesen gleichermaßen beeindruckt und auf Distanz gehalten. Die emotionale Zurückhaltung wirkt nicht wie ein Mangel, sondern wie ein Schutzpanzer. Inmitten von Krieg und Verlust scheint Nüchternheit die einzige Möglichkeit zu sein, nicht den Verstand zu verlieren.

Der immer wieder aufblitzende Zynismus ist weniger Kälte als vielmehr eine Form von Widerstand.

Immer wieder ringt Mira um Lebensfreude – fast trotzig, fast provokativ. Doch über diesem Wunsch liegt ein Schatten aus schlechtem Gewissen. Darf man tanzen, feiern, leben, während Krieg herrscht? Gerade diese Spannung verleiht dem Text seine innere Unruhe.

Teile des Romans hat die gebürtige Ukrainerin auf Deutsch geschrieben. Dabei schleichen sich immer wieder sprachliche Verschiebungen ein – „skrupulös“ statt „skrupellos“, „Reverenz“ statt „Referenz“. Diese Irritationen unterbrechen den Lesefluss jedoch nicht störend; im Gegenteil, sie öffnen einen Raum. Worte werden plötzlich neu hörbar. Ich beginne mir vorzustellen, wie die Protagonistin Deutsch spricht. Die sprachliche Unebenheit wird so zu einer Form von Authentizität.

Auf Seite 174 heißt es:

„Aber das war immerhin eine Emotion, denn in letzter Zeit war alles so sachlich gewesen, dass es schmerzte.“

Vielleicht liegt hier auch mein eigenes Leseerlebnis begründet. Die durchgehende Sachlichkeit ist konsequent, aber sie schafft eine Distanz, die sich nicht ganz überwinden ließ. Ich verstand den Schmerz, doch ich fühlte ihn nicht immer. Ich erkenne die literarische Qualität dieses Romans an. Während viele Leserinnen und Leser von seiner emotionalen Wucht sprechen, blieb ich eher Beobachterin als Mitfühlende.

Auf Seite 298 schreibt Fingerova:

„Ein Loch ist Leere, vielleicht aber auch Raum.“

Vielleicht ist auch meine Leseerfahrung ein solches „Loch“ – nicht gefüllt mit überwältigenden Gefühlen, sondern mit Raum. Raum zum Nachdenken über Sprache, über Krieg und über die Frage, wie viel Distanz ein Mensch braucht, um weiterleben zu können.