Beeindruckende Natur und eine intensive Suche

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Ich mag eigentlich eher gedecktere Farben und hätte mir am liebsten eine realistisch-natürliche Farbgestaltung für dieses Cover gewünscht, doch erstaunlicherweise gefällt es mir auch in der gewählten Form ziemlich gut. Besonders toll finde ich, dass sowohl Titel als auch Käfer haptisch spürbar sind und im Gegensatz zu dem restlichen Bild glänzen, wodurch der Käfer fast dreidimensional erscheint. Und auch, wenn der Schutzumschlag entfernt wird, ist dieses Buch wunderschön gestaltet, denn es wartet mit Baumrindenmaserung und einem weiteren Käfer auf.

Die Geschichte erzählt von der 33jährigen Eva, die nach einem schweren Verlust aus Oslo in ein kleines Dorf im norwegischen Vestfold flieht, wo sie den Auftrag angenommen hat, einen gefährdeten Käfer aufzuspüren und eine Bestandsaufnahme der Wälder durchzuführen. Dabei trifft sie auf ihre 76jährige Nachbarin Olga, die als Einsiedlerin ganz alleine lebt und exzentrisch wirkt. Auf ihrem Grundstück soll ein Steinbruch entstehen, den Olga um jeden Preis verhindern will. So unterschiedlich die Beiden zu Beginn auch erscheinen, so nähern sie sich mit der Zeit doch immer mehr an, werden Freundinnen und müssen beide entscheiden, was im Leben ihnen wirklich wichtig ist und was bewahrt werden muss.

„Der Einsiedlersommer“ ist der erste Roman der Autorin, die auch Professorin für Naturschutzbiologie ist und die Liebe zur Natur steckt wirklich in jedem Satz. Für mich sind die Beschreibungen der Natur absolut das größte Highlight dieses Romans, denn es gelingt Anne Sverdrup-Thygeson unglaublich gut, den Wald und die Zusammenhänge der Natur in ihren Worten spürbar und erlebbar zu machen. Ich hatte oft das Gefühl die Blätter der alten Eichen rauschen und das Licht durch die Zweige brechen zu sehen, den feucht-moosigen Duft des Waldes in der Nase zu haben und die Wärme der Sonne auf der Haut zu spüren – einfach toll! Und dazu kommt, dass die Erhaltung der Natur und der Schutz dieser auch inhaltlich eine wesentliche Rolle im Roman spielen. Auf Grund ihres Fachwissens ist die Autorin natürlich prädestiniert dafür, diese Inhalte kompetent zu vermitteln, es gelingt ihr aber nicht nur sachlich, sondern auch emotional und sogar unterhaltsam, so dass ich beim Lesen nicht das Gefühl hatte belehrt zu werden, sondern quasi nebenbei viel wissenswertes und wertvolles Erfahren konnte. Das ist für mich eine sehr gelungene Mischung!

Eva ist für mich eine etwas zwiespältig besetzte Hauptfigur. Auf der einen Seite habe ich sie schnell ins Herz geschlossen, mit ihr gelitten und sie für ihren Einsatz bewundert. Auf der anderen Seite hätte ich sie teilweise schütteln wollen und fand ihr Verhalten immer wieder arg grenzüberschreitend und unmöglich. Für mich war es irgendwie schade, dass ich dadurch nicht so hinter ihr stehen konnte, wie ich es gerne getan hätte, doch es hat mir sehr gefallen, dass die Autorin ihre Art konsequent darstellt, was mich dann wiederum mit ihrem Charakter versöhnt hat, weil es sich für mich stimmig anfühlte. Auch Olga, als zweite Hauptprotagonistin hat einen sehr eigenwilligen und individuellen Charakter und ich mag das sehr, zumal im Laufe der Geschichte zunehmend verständlich wird, warum sie sich in ihrer Weise verhält.

Wir LeserInnen erleben das Geschehen aus den Perspektiven dieser beiden Figuren und das gefällt mir sehr, denn es lässt mich nah heran an ihre Persönlichkeiten und ich konnte gut mit ihnen fühlen. Es gibt aber auch weitere wichtige Charaktere in dieser Geschichte, eine interessante Suche nach dem Eremiten-Käfer und eine Vielzahl an zusätzlich eigebauten Themen, die alle ihren Platz finden. „Der Einsiedlersommer“ ist eine enorm vielschichtige Geschichte, die uns einen Sommer lang in ein sehr ursprüngliches Leben inmitten der Natur entführt und dort ein Kaleidoskop an menschlichen Emotionen, Tragödien und Bedürfnissen entfaltet. Auf der einen Seite ist das manchmal schon sehr viel Input, auf der anderen Seite hat es mir aber auch Freude gemacht in all diese Themen hinein schnuppern zu dürfen.

Mit dem Ende dieses Buches war ich persönlich ehrlich gesagt leider nicht so glücklich, da es mich etwas unbefriedigt zurückgelassen hat, muss aber gestehen, dass es objektiv betrachtet gut zur Handlung passt und für die meisten LeserInnen wohl stimmig sein wird. Da die Handlung für mich an mancher Stelle zudem noch etwas „runder“ hätte sein dürfen, vergebe für ein sehr bereicherndes Leseerlebnis 4,5 Sterne und empfehle diese Geschichte vor allem für alle NaturfreundInnen – viel Freude beim Lesen!