Die Geheimnisse des uralten Eichenwaldes
Den „Einsiedlersommer“ von Anne Sverdrup-Thygeson, herausgegeben bei der dtv Verlagsgesellschaft, habe ich sehr gerne gelesen. Nie wurde es langweilig auf den insgesamt 477 Seiten, da die Buchautorin hier neben der Suche nach einem ausgestorben geglaubten Eremitenkäfer eine Vielfalt von Themen einarbeitet wie Trauerverarbeitung nach dem Verlust eines Kindes, unausgesprochene zwischenmenschliche Konflikte, Lügen und Vertuschen von Straftaten, Vergangenheitsbewältigung, Zeitgeschichte rund um den 2. Weltkrieg mit NS-Hintergrund in Norwegen und vor allem den Raubbau des Menschen an der Natur und die daraus resultierenden gravierenden Folgen wie Artensterben, Umweltverschmutzung, Klimaveränderung und zerstörte Lebensräume. Dass die Schriftstellerin auch Professorin für Naturschutzbiologie ist, kommt in diesem Roman rund um Protagonistin Eva einmal mehr als zum Tragen, arbeitet sie auf fantastische Art und Weise ihr fundiertes Fachwissen rund um Wälder, Pflanzen und Kräuter sowie Tiere eindrucksvoll in die Geschehnisse an, ich habe beim Lesen sehr viel gelernt, aber auf äußerst angenehme Art und Weise. Erzählt wird von der 33-jährigen Biologin Eva, die nach einer stillen Geburt Oslo ohne Abschied von ihrem langjährigen Partner Eirik verlässt und sich in ein einsames Dorf in Vestfold zurückzieht. Sie nimmt einen Auftrag der Gemeinde an, Kartierungen vorzunehmen und macht sich dabei auf die Suche nach einem Eremitenkäfer, den man bereits als ausgestorben glaubte. Sie lernt die 76 Jahre alte eigenbrötlerische Olga kennen, die zurückgezogen auf einem verfallenen Gehöft lebt. Im Verlaufe der Zeit nähern sich die beiden ungleichen Frauen jedoch an und werden sogar zu Freundinnen. Doch bis dahin passiert jede Menge, denn auch Olga hat ihre ganz eigene Lebensgeschichte, die sie seit der Kindheit quält. Zudem tobt im Ort eine Diskussion der Naturschützer rund um den geplanten Abbau von wertvollem Gestein, was zwar wirtschaftlich für die Region von Nutzen wäre, für die Natur aber ein folgenschwerer Eingriff. Dieses Buch ist sehr warmherzig geschrieben, alle Charaktere wurden sehr gut herausgearbeitet, Fachwissen geschickt eingearbeitet und überraschende Wendungen klug gesetzt. So blieb die Spannung hoch bei gleichzeitig ruhigem, unaufgeregten Schreibstil, der sich wunderbar leicht lesen lässt. Der Schluss lässt Spielraum für Interpretation, regt zum Nachdenken an und motiviert zur Selbstreflexion. So habe ich mich noch einmal eingehender mit der Bedeutung Norwegens für die Nazis befasst. Auch mein Blick auf den Umgang des Menschen mit Natur und Umwelt hat sich beim Lesen noch einmal verschärft, so habe ich nach dem Lesen des Buches noch kleine Veränderungen in meinem Garten vorgenommen, um den Tieren für ihr Überleben mehr Vielfalt zu bieten. „Der Einsiedlersommer“ ist eine schöne Kombination aus vielen Themen, einfühlsam geschrieben, was das Buch zu einem wahren Lesevergnügen macht. Die Haptik des Gesamtwerkes ist einzigartig und zeugt von hoher Wertigkeit. Der Schutzumschlag mit dem farbenfrohen Käfer ist bereits wunderschön, das Buch selber wird dann noch einmal durch dieses Motiv liebevoll verziert, was einfach für einen großartigen Gesamteindruck sorgt. Dieses Buch kann ich wärmstens empfehlen!