Ein entscheidender Sommer

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federfee Avatar

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Viele Themen, stilistisch unterschiedlich - Freundschaft, Liebe, Verlust u.a. Traumata, vor allem aber Umweltproblematik

Ein schwerer Verlust, ein traumatisches Erlebnis: Evas und Eiriks Sohn wird tot geboren. Eva ist auch nach Wochen noch so verstört, dass sie Abstand von allem braucht, auch und gerade von ihrem langjährigen Lebenspartner Eirik, der lieber sprechen würde. Sie aber fühlt sich unter Druck, zieht sich völlig zurück und nimmt für drei Monate einen Auftrag in einer einsamen Gegend an, denn sie ist Biologin und wird die Waldgebiete dort im Auftrag der Gemeinde kartieren. Am meisten aber lockt sie die Vorstellung, einen aussterbenden Käfer zu finden, der dort in der Gegend gesehen wurde: der Eremitenkäfer.

Sie bleibt allerdings mit ihrem Hund Orca keine einsiedlerische Eremitin, denn auf dem Nachbarhof lebt eine alte Frau von über 70 alleine, Olga, eigenwillig und noch sehr fit. Ihre anfängliche Schroffheit und Ablehnung verliert sich schnell, denn die beiden Frauen mögen sich trotz des Altersunterschieds und sie haben etwas gemeinsam. Auch Olga hat Verluste erlitten und zudem scheint es ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit zu geben, das ihr heute noch Albträume verursacht.

Der junge Amtsleiter der Gemeinde, Hallvard, mit dem Eva beruflich zu tun hat, scheint Interesse an ihr zu haben und auch Eva fühlt sich von ihm angezogen.
War es bisher sehr atmosphärisch und nachvollziehbar erzählt, fand ich die Art, wie das beschrieben wurde, dem bisherigen Niveau des Buches nicht angemessen. Wenn Eva Schweiß und Deo von Hallvard wahrnimmt, kribbelt es bei ihr und zweimal wird er als ‘süß’ bezeichnet. Eirik dagegen ist ein ‘netter’ oder auch ‘toller’ Mann - ein völlig nichtssagender Ausdruck. Auch muss es nicht sein, dass so oft gekichert wird oder Hallvard sich als vielleicht zu ‘pushy’ bezeichnet.

Diese stilistischen Entgleisungen finde ich besonders schade, weil es durchaus sehr bildhafte, poetisch beschriebene Passagen gibt: der Wald mit seinen Bäumen, wie Eva im verbotenen Steinbruch eine Sprengung erlebt oder wie Hallvard von Höhlen schwärmt.

Fast dachte ich: da haben zwei Autorinnen geschrieben, aber nein: drei Übersetzerinnen. Vielleicht liegt es daran.

Doch zurück zum Thema, das für mich neben der Frauenfreundschaft das Wichtigste ist: die Umweltproblematik. Die Gemeinde will einen Steinbruch erschließen, wofür aber jahrhundertealte Eichen gefällt werden müssten. Es ist immer das Gleiche: Ausbeutung gegen Naturschutz und auch die Argumentation kennen wir zur Genüge: Schaffung von Arbeitsplätzen, weniger Abwanderung, Geld für die Gemeinde für Schulen u.a., heimische Baustoffe besser als Beton, (angeblich) aus China oder Indien. Es ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass das alles so ist, aber gräbt man tiefer, wird sich oft herausstellen, dass es um den Profit weniger geht - so auch hier - und dass wir als Menschheit es uns nicht weiter erlauben können, weiter Raubbau an der Natur und den Ressourcen zu betreiben.

Eva versucht durch ihre Arbeit zu begründen, dass die Biodiversität erhalten bleiben muss, nur leider interessiert die Menschen das Schicksal eines Käfers und anderer Insekten nicht. Dabei achtet niemand darauf und die meisten wissen es wahrscheinlich auch nicht, welche Bedeutung ein funktionierendes Natursystem hat, auch für den Menschen. Die Autorin kritisiert durch Eva zu Recht, dass hier Manipulation stattfindet:

‘Bei diesem Kuhhandel waren nicht die Fakten die Währung, sondern Worte - Worte, die man zu seinem Vorteil verdrehen konnte. Strategien und Spielchen, Manipulationstechniken und Lächerlichmachen.’ (372)

Während Hallvard differenziert dargestellt wird, trifft das auf Eva und Olga nicht ganz so zu. Ich fand einige ihrer Handlungsweisen und ihr allzu schnelles Anfreunden unglaubwürdig, muss allerdings zugestehen, dass die Autorin es verstanden hat, die Spannung bis zum Schluss zu halten.

Der Leser stellt sich einige Fragen: Werden Eva und Eirik wieder zueinander finden, nachdem sich ihr Konflikt zugespitzt hatte? Wird Olga herausfinden, was damals im Wald passiert ist und wer ihr Vater ist? Wird sie Frieden finden und auf ihrem Hof bleiben? Was wird mit dem geplanten Steinbruch?

Fazit
Ich fand es ein wenig zu viel an Themen, was jedoch andererseits bedeutet, dass jeder Leser etwas finden wird, was gefällt, anrührt oder fasziniert. Für mich war es die Umweltproblematik, die hier vielleicht durch die anderen Themen wie Liebe, Freundschaft und Geheimnisse an Leser vermittelt wird, die sich sonst nicht dafür interessieren würden.

Schade sind die stilistischen Entgleisungen, die wieder wettgemacht werden durch atmosphärische Schilderungen der Natur (Wald, Insektenwelt, Höhlen). Auch gefallen haben mir viel zitierwürdige Sätze, so dass ich im Ganzen über einiges andere hinwegsehe und volle 4 Sterne vergebe.

Noch einige Zitate:
‘Alles schwindet dahin. Verschleißt, verwittert, löst sich auf. Gegenstände, Erinnerungen, das Leben.’ - ‘Und alles, was wir tun können, ist, im Jetzt zu leben. Die uns zugestandene Zeit so zu nutzen, wie es uns am besten erscheint. Bald wird ohnehin alles vergessen sein. Die Dinge, die Gedanken und wir.’ (352)
‘Es gibt Dinge, die nicht verstanden werden sollten oder sich nicht begreifen lassen, die wir einfach loslassen müssen.’ (364) - ‘Vielleicht ist die Wahrheit nicht immer das Beste.’ (447)
‘’... ein sturer Umweltschutzterrier, der sich im Hosenbein des Kapitalismus verbissen hatte.’ 383

P.S. Zu erwähnen ist noch die liebevolle Ausstattung. Wenn man den Schutzumschlag entfernt, sieht man eine Baummaserung mit einem Käfer.