Ein unvergesslicher Sommer im Wald

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
kleine hexe Avatar

Von

Eva muss weg aus Oslo. Nach der Geburt ihres totgeborenen Sohnes muss sie weg. Sie verlässt ihren Partner und nimmt eine Stelle als Biologin in einer Gemeinde an. Ihre Aufgabe: Sie soll das Gebiet kartieren und einen Käfer wiederfinden, von dem man glaubte, er wäre ausgestorben. Sie verbringt die Sommermonate in dieser Gemeinde, wohnt in einem leerstehenden Anwesen außerhalb der Ortschaft und nimmt ihre Arbeit sehr ernst. Ihre nächste Nachbarin ist Olga, eine 76 jährige, die jede menschliche Gesellschaft meidet.Nach etlichen Hindernissen kommen sich die beiden Frauen näher, freunden sich an, stellen fest, wie viele Gemeinsamkeiten sie eigentlich haben und helfen sich gegenseitig
.
Es stellt sich die Frage, wer hier der eigentliche Einsiedler ist? Eva, die Abstand von ihrem bisherigen Leben sucht, Olga, die ein Trauma und Geheimnis aus der Kindheit hütet und dann der Eremit, der verschollen geglaubte Käfer. Alle drei benötigen die reichen, üppigen Wälder Norwegens, benötigen eine intakte Natur, in der sie sich erholen können, sich entfalten können. Der Käfer, um seine Population langsam und stetig wieder aufzubauen, die beiden Frauen, um ihre Trauer und Verluste zu überwinden.
Anne Sverdrup-Thygeson zeichnet mit sehr feiner Feder diese beiden Frauen, erweckt sie vor unseren Augen zum Leben, lässt sie uns von Anfang an sympathisch sein. Auch Eirík, Evas Partner aus Oslo, wächst uns schnell ans Herz, unser Mitgefühl gilt Eva und Eirik für den Verlust von Sander, ihrem Sohn, der nicht leben sollte. Olga, die ihr Leben lang ein schreckliches Geheimnis hüten musste, kann mit Evas Hilfe dieses Drama abschließen, sich mit Arne, ihrem Vater aussöhnen.
Im Buch gibt es noch eine andere “Hauptgestalt”: die Wälder, die Natur an sich. So wie die Autorin die Bäume, die Wiesen, die Gewässer und die Käfer beschreibt, haben die Lesenden das Gefühl, mittendrin zu sein, auch an einer alten Eiche zu lehnen, durch den Wald zu streifen und ihn zu erkunden.
Dabei ist das Schicksal eines Teils des Waldes schon besiegelt. Unter dem Wald befinden sich reiche Vorkommen an Larvikit, das eine Firma im Tagebau abbauen will. Es ist ein wertvolles Gestein, das reiche Gewinne verspricht und für die unter Bevölkerungsschwund leidende Gegend neue Arbeitsplätze verspricht.
Sobald Großindustrielle und Politiker mit Begriffen wie “neue Arbeitsplätze”, “Aufschwung”, “Wachstum”, “Kinder”, “nachhaltiges Wachstum”, “Wertschöpfung”, “Steuereinnahmen”, “Export” um sich werfen, hören alle ökologischen Beweggründe auf zu existieren. Kaum noch zu toppen sind “grünes Wachstum” und “Verantwortung” oder “lebendige nachhaltige Lebenswelt” und “grüner Wandel” (S. 372).
Als die Gemeinde Eva mit der Kartierung und dem Auffinden des Einsiedlerkäfers beauftragt hatte, war das nur Augenwischerei, genau wie die Bürgerversammlung. Die Bergbaubehörde hatte den Abbau von Larvikit schon längst beschlossen, zumindest auf dem Storas-Berg und im offenen Tagebau, was die komplette Zerstörung des Berges bedeutet. Zumindest den Teil des alten Eichenwaldes, der auf dem Berg “Beinnesberget” wächst und gedeiht, kann die Bergbaufirma “Vestfold Ökostein” nicht die Hände drauf tun. Der Wald gehört Olga und sie wird niemals einem Verkauf zustimmen.
Weshalb geht sozio-ökonomisches Wachstum nur mit Zerstörung der Umwelt einher? Weshalb ist die Begründung des Kahlschlags mit “anderswo gibt es auch schöne Wälder”, sollen die doch geschützt werden, solange hier an diesem Ort der Rubel rollt. So wird der Naturschutz ausgelagert, die Verantwortung dafür anderen aufgebürdet. Seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ist der Konflikt präsent. Ein Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und Naturschutz. Dreimal dürft ihr raten, wer den Kürzeren zieht? Aber wenn eine Region von Abwanderung bedroht wird, muss der Naturschutz weichen.
Ob “Osmoderma eremita”, der Eremitenkäfer, unter diesen Bedingungen überleben wird? Anne Sverdrup-Thygeson lässt das Ende in der Schwebe, und regt uns dadurch zum Nachdenken an.