Zwei Frauen, ein Käfer und ein Geheimnis

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
romy_abroad Avatar

Von

Eva arbeitet eigentlich als Biologin an der Uni in Oslo, doch nach einem schmerzhaften Verlust entscheidet sie sich, für einen Sommer die Stadt zu verlassen und ganz alleine für ein Forschungsprojekt alte Eichenwälder zu kartieren - immer auf der Suche nach dem Eremiten-Käfer. Doch für Eva ist die Suche nach dem Käfer auch eine Suche nach einem tieferen Sinn, für den Verlust ihres Kindes. Während ihr Partner versucht, nach vorne zu blicken, kann Eva die tiefe Traurigkeit und die umfassende Melancholie nicht hinter sich lassen. In der Einsamkeit der Eichenwälder, nur in Begleitung ihrer Hündin Orca, kann Eva endlich in ihrem eigenen Rhythmus Abschied nehmen und begreifen, was ihr widerfahren ist. Der Wald spendet ihr Kraft und strahlt eine Ruhe aus, die sich auch auf Evas Gedanken überträgt. Und als sich die Anzeichen für das Vorkommen des Eremiten-Käfers verdichten, kommt bei Eva Euphorie auf. Denn sollte sie tatsächlich ein lebendiges Exemplar einfangen können, würde das die uralten Eichenwälder vor der Abholzung retten. Ein lokales Bergbauunternehmen will dort Larvikit abbauen, die nationale Gesteinsart Norwegens. Doch Eva kann sich nichts Schlimmeres vorstellen, als die biologisch wertvollen Gebiete, die so vielen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum bieten, an die Bagger der Steinfirma zu verlieren.
Trotz ihrer Bemühungen, für sich zu bleiben, lernt Eva im Dorf einige Leute kennen, die ihr schnell ans Herz wachsen. Ganz anders als ihre Nachbarin Olga, eine stolze, betagte Dame, die sie von Anfang an auf Distanz hält. Doch Eva hat den ganzen Sommer Zeit - nicht nur, um den Eremiten zu finden, sondern auch, um besser zu verstehen, warum Olga niemanden an sich heran lässt - und wie Eva das ändern kann.
"Der Einsiedler Sommer" ist eine Lektüre, die gleichermaßen Nahrung für Herz und Hirn bietet. Einerseits habe ich beim Lesen ein tiefes Mitgefühl für Eva und auch für ihre Nachbarin Olga entwickelt, für alles was die Frauen durchgemacht haben und dafür, wie sie durchs Leben gehen. Andererseits habe ich über die detailreiche Beschreibung von Evas Arbeit viel darüber gelernt, wie Insekten und Pflanzen erforscht und geschützt werden können. Wie aufwendig und fordernd der Prozess ist, und welche Frustrationstoleranz gefordert ist, wenn es darum geht eine bestimmte Art zu entdecken oder nachzuweisen. So richtig warm geworden bin ich mir dem Buch allerdings nicht. Ich vermute das liegt daran, dass die Geschichte mit weniger als 500 Seiten auskommt, aber trotzdem eine ganze Palette an Themen abdeckt oder zumindest touchiert: Neben den bereits angesprochenen Themen wie Umgang mit dem Verlust eines Kindes und der Arbeit in der Natur geht es auch vielfach um Freundschaft, um Identität und Familie, um Historie, Heimat, Treue, plötzlich taucht noch ein Love Interest auf - mir wurde es irgendwann zu viel. Ich hätte mir für die einzelnen Themen mehr Tiefe und Entwicklung gewünscht, und dafür gerne auf mindestens ein Drittel der Themenfelder verzichtet. Ich habe "Der Einsiedler Sommer" trotzdem gerne gelesen, doch leider ist der Spagat zwischen den vielen Aspekten meiner Meinung nach nicht ganz gelungen.