Kein Ansatzpunkt für Kritik zu finden

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"Die Grausamen" schien mir oft, als ich den Roman las, wie ein sehr schweres Sudoku zu sein, bei dem man in einer Art Zwickmühle steckt und die Lösung in die eine oder in die andere Richtung gehen kann. Dieser Roman steckt voller Rätsel, Lügen und Unwägbarkeiten, die einen dazu drängen, immer weiter zu lesen und alles andere beiseitezulegen.

Zunächst aber noch ein kurzer Eindruck zum Inhalt des Romans:
Marta Johnson-Rodriguez und Gabriel "Gabe" Dickinson werden wegen ihrer derzeitigen persönlich schwierigen Lage und der schweren Zeit, die sie im Moment durchmachen, auf "Cold Cases", also bisher ungelöste Fälle, angesetzt, um nach neuen Ansätzen für weitere Ermittlungen zu suchen. Ihr neues Büro nennen sie "Verlies" und genauso empfinden sie auch ihre neue Situation.
Marta stößt dabei auf vier etwa neunzehn Jahre alte Fälle, die alle nicht gelöst werden konnten und bei denen die Ermittlungen sehr oberflächlich waren, obwohl die zwei damals ermittelnden Detectives einen fast legendären Ruf haben. Schon bei den ersten Nachforschungen und Befragungen stoßen sie auf Verbindung zu einem Fall, in dem ein dreizehn-jähriges Mädchen auf dem Nachhauseweg plötzlich verschwand.
Diese Verbindung näher zu untersuchen und die "Wahrheit" zu finden, ist, wie sich herausstellt, alles andere als einfach.

Die Geschichte ist zu Beginn noch ganz neu und man weiß eigentlich gar nicht genau, wie alles zusammenpassen soll. Zudem erzählt jeder Befragte eine Lüge nach der anderen und die Informationen treten nur Stück für Stück zu Tage. Das führt dazu, dass der Leser den Roman nicht unbeteiligt lesen kann, sondern aktiv mitdenkt. Das gefällt mir an dem Buch sehr.
Auch die beiden Ermittler, Marta und Gabe, sind sehr authentisch, was insbesondere an ihren ganzen Fehlern liegt, die nach und nach aber eher in den Hintergrund treten.

Insbesondere möchte ich aber auf Katzenbachs Sprach- und Schreibstil eingehen, der das Buch zu etwas Besonderem macht.
Mir gefällt seine chronologische Erzählweise (mit Ausnahme von ein paar Rückblicken), damit meine ich vor allem, dass fast nie Tage nicht wiedergegeben werden. Es wird also Tag für Tag erzählt. Oft erzählt Katzenbach souverän durch, aber ab und zu an passender rasanter Stelle wird sein Schreibstil so, dass er nur noch die wichtigsten Eindrücke schildert und syntaktisch abgehackt ist (z. B. Anfang des 48. Kapitels auf S. 499).
Zudem gefällt mir, wie er Personen beschreiben kann, sehr anschaulich und präzise und doch kurz.

Außerdem möchte ich nicht unerwähnt lassen, welche Arbeit es sein muss, sich eine solche Geschichte mit all ihren Feinheiten (und insbesondere den ganzen Charakteren) auszudenken und dann auch noch in verständlicher, spannender und unterhaltsamer Weise zu Papier zu bringen.
Das alles und noch mehr hat John Katzenbach mit "Die Grausamen" geschafft. Einen Ansatzpunkt für Kritik konnte ich in keiner Weise ausmachen, eher muss ich noch zum Schluss die tollen Schauplätze loben!