Eine stille Heldin in einer zersplitterten Welt

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nadjadn Avatar

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Die Verlobten des Winters ist für mich ein gelungener Auftakt zur Spiegelreisenden-Saga. Christelle Dabos entwirft eine Welt, die nicht nur durch ihre zersplitterten Archen fasziniert, sondern vor allem durch die Figuren, die darin leben.

Im Mittelpunkt steht Ophelia, eine junge Frau, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, aber mit außergewöhnlichen Gaben ausgestattet ist. Sie kann durch Spiegel reisen und sie kann die Vergangenheit von Gegenständen „lesen“, wenn sie sie mit bloßen Händen berührt. Gerade diese zweite Fähigkeit macht sie verletzlich und zwingt sie dazu, stets Handschuhe zu tragen. Ich fand spannend, wie Dabos zeigt, dass ihre Stärke nicht in offensichtlicher Macht liegt, sondern in ihrer Beharrlichkeit, ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Fähigkeit, in einer feindseligen Umgebung sie selbst zu bleiben.

Ihr Verlobter Thorn bildet dazu den kompletten Gegensatz: kühl, abweisend, schwer greifbar. An ihm kann man sich reiben – ich war anfangs eher genervt, wollte aber gleichzeitig mehr über ihn erfahren. Seine kantige Art und die langsame, zögerliche Entwicklung zwischen ihm und Ophelia machen einen großen Reiz der Geschichte aus.

Unter den Nebenfiguren sticht für mich Berenilde, Thorns Tante, hervor: elegant, einflussreich und undurchsichtig. Man weiß nie so genau, ob sie Ophelia schützt oder für ihre eigenen Zwecke benutzt. Faruk, der Familiengeist der Arche Himmelsburg, bleibt ebenfalls im Gedächtnis: ein kindisch-launischer, übermächtiger Herrscher, dessen Willkür für ständige Gefahr sorgt. Außerdem gibt es Archibald, einen charismatischen Intriganten mit eigener Agenda, und Roseline, Ophelias resolute Tante, die ihr Halt gibt. Diese Figurenvielfalt macht die Geschichte lebendig und komplex.


Fazit:

Ein atmosphärischer, vielschichtiger Auftakt mit einer ungewöhnlichen Heldin, die man sofort ins Herz schließt. Ophelias Gaben sind nicht nur originell, sondern auch eng mit ihrem Charakter verwoben – verletzlich und stark zugleich. Wer bereit ist, sich auf das langsame Tempo und die vielen Intrigen einzulassen, wird mit einer besonderen Geschichte belohnt, die Lust auf mehr macht.