"Sisiduzza" heißt Fünkchen

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Der Roman „Eva schläft“ von Francesca Melandri beschreibt das Leben der Familie Huber aus dem Südtirol zwischen 1919 und der Gegenwart. Diese Erzählung, die geprägt ist von den politischen Entwicklungen des Südtirols, hin- und hergerissen zwischen dem deutschsprachigen Mutterland Österreich und der erzwungenen Zugehörigkeit zu Italien, ist eingestreut als Rückblick in Evas Reise mit der Bahn aus dem Südtirol bis nach Kalabrien, wo sie den schwer kranken Vito besuchen will. Vito hatte über längere Zeit eine Liebesbeziehung zu Evas Mutter Gerda und war für Eva ein Vater. Sie war sein „Sisiduzza“, sein Fünkchen. Als er aus ihrem Leben verschwunden ist, hat er im Leben der kleinen Eva eine Lücke hinterlassen, die Gerda nie aufgearbeitet hat.

Die Beschreibungen des Schicksals der Familie Huber sind sehr gefühlvoll, wenn es um Gerda oder Eva geht, entsprechend kühl und zurückhaltend werden jedoch Gerdas Eltern Hermann und Johanna beschrieben. Das Leben scheint für diese so hart zu sein, dass sie keine Energie in Gefühle verschwenden können und ihre gesamten Lebensgeister zum Überleben benötigen. Das Leben verlangt den ärmeren, deutschsprachigen Südtirolern so viel ab, dass die Gefühlsebene weitgehend verdrängt wird.

Der historische Hintergrund wurde von Francesca Melandri ausgesprochen gründlich recherchiert. Für Leser, die sich für die Geschichte des Südtirols interessieren, ist dieser Roman ein echter Gewinn.
Der Roman ist sprachlich sehr flüssig zu lesen. Francesca Melandri spielt mit einsilbigen Dialogen, detaillierten, nicht beschönigenden Landschaftsbeschreibungen und Wiederholungen. So hat man den Prolog, den man anfangs gar nicht einordnen kann, schon beinahe vergessen, als er an passender Stelle wieder hervorgeholt wird.

Auf Grund der Leseprobe und des Klappentextes habe ich eine Geschichte einer Familie, deren Beziehungen zwischen den Personen und deren Entwicklungen erwartet, alles vor dem geschichtlichen Hintergrund des Südtirols, bzw. des Alto Adige. Insgesamt ist das Buch aber eher ein Geschichtsbuch, in das einzelne Schicksale eingestreut sind.
Das ist sehr schade, weil durch den Klappentext und das eher ungünstige Cover die historisch sehr interessierte Leserschaft eher nicht angesprochen wird. Auf der anderen Seite sind Liebhaber von gefühlsbetonten Familiengeschichten sicherlich enttäuscht, wenn sie sich seitenweise durch eine detaillierte Aufarbeitung des politischen Wechselbades der Region in den 1960er Jahren durcharbeiten müssen. Ein literarisch wertvoller Roman in der falschen Verpackung.

Ein Buch, das eindeutig polarisiert. Entweder man mag es sehr, oder man kann gar nichts damit anfangen.
Mich hat es nach den ersten 150 Seiten völlig in seinen Bann gezogen. Durch die wechselnden Erzählperspektiven ist eine Spannung aufgebaut worden, so dass ich immer weiterlesen musste, obwohl die eigentliche Handlung eher das Leben so widerspiegelt, wie es tatsächlich ist  -  in der Regel wenig aufregend. So entspricht auch der Schluss nicht einem Ende, wie man es von Romanen gewöhnt ist. Die Menschen verletzen sich gegenseitig, aufgrund ihrer eigenen Unzulänglichkeiten. Sie leiden jahrelang, ohne dass ihre Probleme aufgearbeitet werden. Das wird weder verurteilt, noch beschönigt.

In Vitos Worten: „Es ist nicht zu spät – nur später.“