Die Suche nach der Wahrheit

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Es passiert mir nicht so oft, dass ich an ein Buch noch lange nach dem Lesen denken muss. Manchmal weil mich die Figuren berührt oder weil sie mich mit ihrem Handeln erstaunt oder gar schockiert haben. Letztendlich sind es die Autoren dieser Bücher, die diese Wirkung auf mich erzielen, denn sie sind diejenigen, die ihren Figuren das Leben geschenkt und sie mit den Eigenschaften ausgestattet haben, die Sympathien oder Abneigungen in mir erzeugen.

Die Buchautorin Pia Ziefle besitzt diese Fähigkeit, Gefühle beim Leser hervorzurufen. In ihrem neuen Roman "Länger als sonst ist nicht für immer" erzählt sie uns wieder eine Geschichte um Menschen auf der Suche nach Antworten auf wichtige Fragen, die ihre Identität betreffen.
Zu wissen, wer man ist, woher man kommt und vor allem, sich von der Akzeptanz und der Liebe der eigenen Eltern sicher zu sein, ist etwas, das alle von uns beschäftigt. Manche mehr, manche weniger.

Bei Ira und Lew ist es nicht anders. Für sie aber bedeutet die Suche nach Antworten, sich mit schmerzvollen Wahrheiten auseinanderzusetzen, sich wieder an traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit erinnern zu müssen. Über diese ihre Erinnerungen lesen wir. Dabei erfahren wir über die Zeit und die Umstände, unter denen sie aufgewachsen sind. Ira als Tochter intellektueller 68er in der BRD. Lew in der DDR, als Sohn von Regimegegnern.

Geduld und Konzentration sind notwendig, um dieses Buch zu lesen. Da die Handlung keine lineare ist und die Geschichten von Ira und Lew unabhängig voneinander erzählt werden, muss der Leser auf wichtige Details achten, um immer am Ball zu bleiben. Diese aktive Mitarbeit seitens des Lesers, die dieses Buch erfordert, ist etwas, was mir gut gefällt. Am Ende wird man mit wichtigen Erkenntnissen belohnt. Im Falle von "Länger als sonst ist nicht für immer" betreffen diese Erkenntnisse meistens die Beziehung der Hauptfiguren zu ihren jeweiligen Eltern. Und so wie ich am Anfang erwähnt habe, musste ich feststellen, dass diese Eltern und ihr Handeln in mir teilweise Anstoß erregten und dass ich nicht immer gerne darüber gelesen habe.
Während die Eltern sich durch Mangel an Rückgrat und Bedingungslosigkeit ihren Kindern gegenüber auszeichnen, haben mich andere Figuren durch ihr menschliches Verhalten beeindruckt und gerührt.

Aus meiner Sicht ist Lew der Charakter, der Pia Ziefle am besten gelungen ist. Trotz seiner Vergangenheit ist er ein empfindsamer Mann geworden. Seine konsequente Haltung, seine Entschlossenheit, seine Beständigkeit und seine Offenheit bringen ihn am Ende zum Ziel: die Wahrheit über sein Leben zu erfahren.

Und noch lange nach dem Lesen beschäftigt mich dieser Roman... Einerseits wegen Lews Persönlichkeit, die ich die ganze Zeit während des Lesens bewundert habe, andererseits trotz - oder gerade wegen - des schwachen Bildes, das die Eltern in dieser Geschichte abgegeben haben