Raus aus dem Z-W-A-N-G

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
gürkchen Avatar

Von

Der Mensch ist von Natur aus bequem und möchte selbstverständlich mit möglichst geringem Aufwand die bestmöglichen Ergebnisse erzielen, wenn er einen Ratgeber liest. Erwischt man sich jedoch immer häufiger dabei, wiederholt und unverhältnismäßig oft ganz banale Dinge wie den ausgeschalteten Herd zu prüfen, kommt man aus dieser Spirale leider nicht mit einem Ruck heraus, der ein sofortiges Beenden wünschenswert macht. Prof. Dr. Ulrich Voderholzer präsentiert für Menschen, die selbst an einer Zwangserkrankung leiden oder Betroffene kennen, die sich damit quälen, nun eine fundierte Erklärung über das „Wesen“ eines Zwangs. Dieser kann sich sowohl in antrainierten Handlungen als auch in tief verwurzelten, aufdringlichen Gedanken zeigen. Der Zwang wiegt uns in Sicherheit und hindert uns meisterhaft daran, mit dem überspitzten Tun zu brechen. Im Gegenteil – er fordert immer mehr Opfer, bis hin zur sozialen Isolation.

Die vorgeschlagene Lösung ist eine Exposition, das heißt, man muss sich über einen individuell zu bestimmenden Zeitraum, der von der Schwere der psychischen Erkrankung abhängt, wiederholt im Alltag mit der Situation auseinandersetzen. Dabei dürfen die lieb gewonnenen Sicherheitsrituale oder Vermeidungsstrategien nicht als Ausweg genutzt werden. Mithilfe von Skalen, die die eigene Angst verbildlichen, soll unser Handeln und Denken davon überzeugt werden, dass es keine negativen Auswirkungen auf unser Leben oder das Leben anderer hat, wenn wir der Zwangshandlung nicht nachgeben. So überlisten wir Stück für Stück unser Gehirn und überspielen das alte Muster mit einer positiven Vorstellung der Situation. Denn die Erde dreht sich auch ohne die magischen Handlungen weiter, die wir uns vom Zwang auferlegt haben.

Der Autor motiviert uns mit seinen Zeilen, verspricht aber auch ehrlich, dass keine Wunder zu erwarten sind. Die mögliche Notwendigkeit einer fachmännischen Therapie oder sogar von unterstützenden Medikamenten wird regelmäßig aufgegriffen.

Sehr positiv finde ich die Verbildlichung einer parallelen „Zwangswelt“, in die Betroffene geraten, wenn sie den belastenden Auslösern nachgeben. Dadurch wird der innere Kampf auch für Außenstehende verständlicher und jeder Schritt zurück in die Realität kann als kleiner Erfolg verbucht werden.

Ich hätte mir persönlich mehr Hintergrundinformationen darüber gewünscht, warum es überhaupt zu den Zwangshandlungen gekommen ist. Dieser Punkt wird nur am Rande angeschnitten. Als Gründe werden erbliche Veranlagungen oder belastende Erlebnisse genannt, die tief in der Psyche verwurzelt sind, wie beispielsweise die Berichterstattung über die Gefahren der Corona-Pandemie im Zusammenhang mit Waschzwängen. Im Sachbuch wird diese fehlende Vertiefung damit erklärt, dass Zwänge meistens mit Depressionen und Angststörungen einhergehen. Diese sind in ihrer Komplexität in diesem Rahmen nicht ansatzweise befriedigend erörtert. Es hilft jedoch bereits, wenn wir uns den Zwangsgedanken und -handlungen stellen, um damit den ersten Schritt für weitere Erfolge zu machen. In diesem Zusammenhang lautet das Stichwort Achtsamkeit, denn die Vergangenheit können wir nicht ändern und die Zukunft sorgt möglicherweise für kontraproduktiven Stress. Die vorgeschlagenen Achtsamkeitsrituale möchte ich nun gewissenhaft in meinen Alltag integrieren.

Insgesamt habe ich nach der Lektüre jedoch das Gefühl, nicht alle notwendigen Informationen erhalten zu haben. Aus meiner Sicht ist es eher ein Übungsbuch oder ein Begleittext.