Ein Buch wie eine unruhige Nacht

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emaya Avatar

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In Schlaf von Honor Jones begleitet man Margaret über verschiedene Lebensphasen hinweg, während sie versucht, die Deutungshoheit über ihre Vergangenheit zu gewinnen. Im Zentrum stehen ihre von Distanz geprägte Kindheit, das belastete Verhältnis zu ihrer Familie und ihr späteres Leben, in dem das Verdrängte an die Oberfläche dringt.

Das Buch beginnt mit einer Szene aus der Kindheit Margarets in der die kühl-distanzierte Atmosphäre innerhalb der Familie auf wenigen Seiten deutlich dargestellt wird – ein sehr vielverprechendem Einstieg. Leider kann die Geschichte dieses Niveau und den Grad an (An-)Spannung nicht halten.

Tatsächlich hat der Roman mich etwas ratlos zurückgelassen. Das Lesen hat sich wie das Durchleben einer unruhigen Nacht angefühlt: mit fragmentierten Träumen, Hochschrecken und dem verzweifelten Versuch, sich endlich hineinfallen lassen zu können, gefolgt von einem dumpfen Morgen mit einem hohlen Gefühl im Bauch.

Der poetische, teils verschlungene Schreibstil ist überraschend und oft sehr ansprechend, aber an einigen Stellen musste ich mehrmals nachlesen, um ein Verständnis dafür zu bekommen, was überhaupt gemeint sein könnte. Diese Technik trägt zu einer beklemmenden Atmosphäre bei, die mich durch ihre Verschwommenheit aber emotional kaum berühren konnte.
Auch die Protagonistin Margaret blieb für mich bis zum Ende schattenhaft. Das ist einerseits schlüssig, da Margaret eine Frau ist, die durch das Trauma des Missbrauchs durch ihren Bruder und die Kälte ihrer Mutter stark von sich selbst entfremdet ist. Sie existiert in einem Zustand der Verdrängung. Doch als Leserin machte es mir diese Distanz schwer, wirklich mitzufühlen. Alles blieb in einer Schwebe, die irgendwann anstrengend wurde.

Das zentrale Thema – der Missbrauch innerhalb der Familie – wird nie direkt beim Namen genannt. Jones umkreist das Entsetzen, deutet an, lässt Fragmente von Leid aufblitzen. Das ist psychologisch mutig, weil es zeigt, wie Sprachlosigkeit in dysfunktionalen Familien funktioniert. Für mich persönlich war es jedoch unbefriedigend. Die Geschichte verharrt in einer statischen Atmosphäre, in der sich die Beklemmung zwar ausbreitet, aber nie entlädt. In Margaret findet kaum eine Entwicklung statt, was sich auch auf den Verlauf der Geschichte niederschlägt, die sich allenthalben in Nebenschauplätzen verliert. Dadurch wurde mir die Lektüre phasenweise fast langweilig.

Richtig unwohl gefühlt habe ich mich mit den expliziten Sexszenen mit ihrem Freund Duncan – die nie live erzählt, sondern als Erinnerungen oder Fantasien eingebaut werden.

In einem Buch, das sonst so vieles im Unklaren lässt und Traumata nur leise umkreist, wirkten diese Momente fremd und für mich recht brachial. Ich denke, sie sollen Margarets Versuch zeigen, wieder eine Verbindung zu ihrem eigenen Körper herzustellen und die Kontrolle zurückzugewinnen. Für mich verstärkten sie eher das Gefühl einer erzählerischen Zerrissenheit.

„Schlaf“ ist eine fast collagenartige Studie über Scham und das Erbe einer lieblosen Kindheit. Wer klare Antworten sucht, wird hier enttäuscht. Wer poetische sprachliche Experimente mag und sich auf eine sehr leise, fast nebulöse Stimmung einlassen möchte, findet hier eine interessante, wenn auch sperrige Lektüre.